
Über den Denkfehler, digitale Veränderung nur bei anderen zu sehen
Wenn über KI im Rechtsmarkt gesprochen wird, kommt schnell ein beruhigender Gedanke auf, “das betrifft vor allem die anderen." Gemeint sind dann häufig Großkanzleien, Legal Departments, Massenverfahren, Vertragsprüfung, Dokumentenanalyse oder Legal-Tech-Plattformen, die standardisierte Prozesse abbilden.
Die eigene Arbeit wirkt dagegen oft weniger austauschbar. Sie ist individuell, verantwortungsvoll und stark vom persönlichen Vertrauen geprägt. Genau deshalb fühlt sie sich auf den ersten Blick schwer automatisierbar an. Dieser Gedanke ist verständlich. Gefährlich wird er aber, wenn er dazu führt, KI nur aus der Distanz zu beobachten.
Richard Susskind beschreibt in How to Think About AI ein ähnliches Muster als „not-us thinking“. Viele Professionen erkennen zwar, dass KI andere Bereiche verändern wird. Gleichzeitig halten sie die eigene Arbeit für weitgehend geschützt. Gerade bei Expertenberufen liegt diese Haltung nahe, weil die eigene Tätigkeit komplex, erfahrungsbasiert und von außen schwer zu beurteilen ist.
Für den Rechtsmarkt ist dieser Gedanke besonders relevant. Denn KI muss nicht den Anwalt ersetzen, um anwaltliche Arbeit zu verändern.
Es reicht, wenn einzelne Arbeitsschritte anders vorbereitet, geprüft oder organisiert werden. Das betrifft etwa Recherche, Dokumentenauswertung, Vertragsprüfung, Schriftsatzentwürfe oder wiederkehrende Aufgaben.
Die Veränderung kommt also nicht zwingend durch die Kanzlei nebenan, sondern oft durch neue Erwartungen. Mandanten gewöhnen sich an schnellere Rückmeldungen, schnellere Kommunikation und digitale Zusammenarbeit. Unternehmen erwarten strukturierte Ergebnisse statt langer Abstimmungsschleifen. Mitarbeitende erwarten Werkzeuge, die wiederkehrende Aufgaben erleichtern. Und neue Anbieter zeigen, dass bestimmte juristische Abläufe einfacher organisiert werden können.
Das heißt nicht, dass juristische Arbeit weniger wichtig wird.Im Gegenteil, gerade weil anwaltliche Verantwortung bleibt, wird gute Vorbereitung wichtiger. Je besser Informationen, Dokumente und Arbeitsergebnisse strukturiert sind, desto gezielter kann geprüft, beraten und entschieden werden.
Die eigentliche Frage ist deshalb nicht, ob KI die eigene Arbeit vollständig übernehmen kann. Spannender ist, welche Teile sich verändern, obwohl die rechtliche Entscheidung weiterhin beim Menschen bleibt.
Dazu gehören nicht nur Recherche oder Dokumentenanalyse, sondern auch interne Abstimmung, Kommunikation, Qualitätssicherung und Abrechnung. Sie ersetzen keine anwaltliche Beratung, prägen aber, wie effizient und professionell juristische Arbeit erbracht wird.
Genau dort entsteht in der Praxis oft der größte Aufwand. Nicht immer bei der großen Rechtsfrage, sondern bei den vielen Schritten darum herum. Bei Informationen, die gesucht werden müssen, Dokumente die eingeordnet werden, Entwürfe die vorbereitet werden, und Wissen, das im richtigen Moment nicht verfügbar ist.
Deshalb ist „nicht bei uns“ keine tragfähige Strategie. Nicht jede Kanzlei muss sofort jedes neue KI-Tool testen. Nicht jeder Ablauf muss automatisiert werden. Und nicht jede technische Entwicklung ist für die eigene Arbeit relevant. Aber jede Kanzlei sollte ehrlich prüfen, wo Arbeit mehrfach gemacht wird, wo Informationen zu spät gefunden werden und wo neue Standards entstehen, an denen man früher oder später gemessen wird. KI betrifft den Rechtsmarkt nicht erst dann, wenn sie Anwälte ersetzt. Sie betrifft ihn schon dann, wenn sich das Umfeld verändert, in dem anwaltliche Arbeit stattfindet.

Ahmed Kaddour ist Geschäftsführer und Mitgründer von Litigo Solutions. Er entwickelt mit Litigo eine Legal-Tech-Lösung zur digitalen Mandatsqualifizierung und strukturierten Mandatsaufnahme für Kanzleien. Inhaltlich beschäftigt er sich mit der digitalen Transformation des Rechtsmarkts und der Frage, wie KI Kanzleien, Arbeitsprozesse und Mandantenkommunikation verändert. Sein besonderes Interesse gilt intelligenten Tools, die Kanzleien entlasten und komplexe Prozesse verständlich, menschlich und skalierbar gestalten.
